Laika Verlag

 

Laika Verlag

Zur 17. Linken Literaturmesse in Nürnberg

6. November 2012
Johannes Fränkel, jungewelt

Wer sich vom Nürnberger Hauptbahnhof aus in die Altstadt begibt, trifft auf einen Glasbau, hinter dessen wenig origineller Fassade man zunächst nichts Subversives vermutet. In den 1990er Jahren war das noch anders. Die dort beginnende adrette Konsummeile flankierte nicht das optisch paßgerechte »Künstlerhaus im Kunstquartier«, sondern ein viel weniger anschmiegsamer Altbau mit dem linksautonomem Kulturzentrum KOMM. Die von dieser Zeitung begleiteten Kämpfe um dessen Erhalt wurden verloren, einige Zugeständnisse ereicht. Immerhin weiter verwendet wird das Kürzel K4.

Es gibt jetzt ein renoviertes Gebäude mit gläsernem Vorbau und darin das ganze Jahr über das, was sich das tourismusinteressierte Bürgertum so wünscht, manchmal jedoch auch noch handfeste linke Gegenkultur – und als deren Kern die jährlich stattfindende Linke Literaturmesse. Hier trafen sich am vergangenen Wochenende zum 17. Male Vertreter und Autoren von linken Verlagen – und rekordverdächtige 1200 Besucher. In 50 Veranstaltungen wurde über Kunst und Widerstand, die Krise und die Revolution geredet – nahezu in allen Facetten des linken Diskurses. Die Messe ist mittlerweile das wichtigste wiederkehrende politisch-kulturelle Ereignis im süddeutschen Raum.

Vorgestellt wurden beispielsweise Bücher über wilde Streiks (Dieter Braeg), die Todesnacht von Stammheim (Helge Lehmann), den Aufstand in den Städten (Wolf Wetzel) und die Geschichte der DDR bzw. der BRD (Jörg Rösler und Georg Fülberth). Irene Wagner zeichnete Rudolf Steiners langen Schatten, was vereinzelt anwesende Waldorfzöglinge etwas in Rage brachte. Jutta Ditfurth erklärte, worum es in einer »Zeit des Zorns« geht und fand dabei viel Anklang. Passend dazu: Konstantin Brandts »Kleines Schwarzbuch der Sozialdemokratie«.

In der Auftaktveranstaltung beleuchteten der ehemalige RAF-Angehörige und Verleger Karl Heinz Dellwo, der Rechtsanwalt Rolf ­Gössner sowie der Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Thüringischen Landtag Bodo Ramelow sehr differenziert die Zusammenhänge zwischen »Nationalsozialistischem Untergrund« (NSU), dem Staat und seinen Organen. Zusammen mit den über 100 Zuhörern war man sich darin einig, daß der Mediemmär vom angeblichen Versagen der Sicherheitsarchitektur die Fakten der systematischen staatlichen Förderung und Verschleierung der NSU-Taten entgegengehalten werden müssen. Ohne Illusionen über die realen Möglichkeiten zu verbreiten, wurde besonders durch Ramelow die fast völlig fehlende Aufklärung zur Rolle des Bundesnachrichtendienstes eingefordert. Dellwo vertrat die Ansicht, daß Naziterror à la NSU im bundesrepublikanischen System nicht abschaffbar sei. Der Drang, angesichts der erkannten Gefahren entschiedener zu handeln, prägte die gesamte Debatte.

Überhaupt war durchgängig zu spüren, daß sich das Messepublikum wieder mehr für praktische Formen des Widerstands als für reine Theorie interessiert. Die mittlerweile sehr professionell agierenden Veranstalter, Literaturverein Libresso e.V. und Metroproletan Archiv & Bibliothek, haben dem Rechnung getragen. Auch viele Verlagsvertreter waren am Ende voll des Lobes für die Organisatoren, und so nimmt es nicht wunder, daß die Planungen schon bis 2015 reichen. Auch ein Linker Literaturpreis ist im Gespräch.