Laika Verlag

Rezension zu: Slavoj Žižek – Totalitarismus

27. September 2012
Alexander Struwe, PW-Portal

Totalitarismus. Fünf Interventionen zum Ge- oder Missbrauch eines Begriffs. Aus dem Englischen von Oliver Hörl

Žižeks erklärtes Ziel ist die radikale Emanzipation. Doch diese sei momentan in der Sackgasse, in der sich linke Ideen zu Beginn des 21. Jahrhunderts befinden, nicht zu haben. Und so stellen seine fünf Interventionen eine strategische Widerlegung des unterschwelligen Denkverbotes dar, das die Hegemonie (neo-)liberal-demokratischer Rationalität abzuschirmen und zu stabilisieren scheint. Die Speerspitze dieser ideologischen Absicherung enttarnt Žižek in dem Konzept des Totalitarismus, das als Totschlagargument gegen jede Form des Denkens im Unmöglichen, also jenseits des Möglichen der herrschenden Ordnung, angeführt wird. Statt sich diesem zu ergeben, plädiert er für ein Selbstbewusstsein der Linken, sie sollten keine Angst vor der Diskreditierung durch liberale Schurken oder postmoderne Zyniker haben und sich nicht im Denkgebäude des politischen Gegners erpressen lassen.

Seine Essays führen ihn vorbei an den beinahe notwendigen Stationen der Begriffsgeschichte des Totalitarismus – der Holocaust und seine entpolitisierte Identifikation mit dem unaussprechlichen, metaphysischen Bösen; die stalinistischen Schauprozesse und Säuberungen als der perverse Exzess totalitärer Herrschaft – hin zu einer Gegenwart, in der quasi „jeder, der kein Melancholiker ist […] heutzutage des ‚Totalitarismus’ verdächtigt werden kann“ (117). Als Ideologie in Reinform entlarvt, verliert das Konzept so an analytischem Wert und verblasst zu einem bloßen Kampfbegriff. Wie gewohnt bedient sich Žižek eines breiten Spektrums an Artefakten der Populär- und Hochkultur – von Hamlet, James Bond und Big Brother bis zum Christentum und dem Dalai Lama – und führt mit Hilfe Lacans und Hegels deren bedeutungsvolle Zusammenhänge vor Augen.

Auch wenn darunter zum Teil irritierende Passagen und gewagte Thesen zu finden sind, so tun diese dem Anspruch des Werkes keinen Abbruch: Inspiration dafür zu liefern, den post-politischen Status quo herauszufordern und seinen scheinheiligen Konsens aufzubrechen. Ganz nebenbei liefert die deutsche Übersetzung dieses bereits 2001 im Englischen erschienenen Buches ein aufschlussreiches Dokument der weiteren Radikalisierung Žižeks, die sich hier bereits andeutet und sich in den darauffolgenden Jahren vollzogen hat.

Alexander Struwe (AST)
B. A., Politikwissenschaftler, Student, Universität Hamburg.