Laika Verlag

 

Laika Verlag

Rezension zu Ilan Pappe / Jamil Hilal Zu beiden Seiten der Mauer.

14. Juli 2013
Matthias Lemke, pw-portal

Der israelisch‑palästinensische Konflikt gehört zu den am längsten wütenden Konflikten der Gegenwart und ist – daran besteht leider kaum ein Zweifel – auch heute noch weit von einer Lösung entfernt. Die Autorin und die Autoren des Sammelbandes versuchen sich an einer aktuellen Bestandsaufnahme der Situation und zwar aus einer Perspektive jenseits des „Paradigmas der Gleichheit“: Der israelisch‑palästinensische Konflikt „ist von Ungleichheit und unterschiedlicher Machtverteilung an allen Fronten geprägt“ (14).

Unabhängig davon, dass es für die zahllosen Toten auf beiden Seiten kaum einen Unterschied machen dürfte, ob sie von einem palästinensischen Attentäter in einem Linienbus in Tel Aviv oder von einer israelischen Rakete im Gaza‑Streifen getötet worden sind – die Anerkennung der Asymmetrie des Konfliktes scheint für die Herausgeber von zentralem Stellenwert zu sein. Denn sie ermögliche es der schwächeren, palästinensischen Seite, ihre Erzählung der Ereignisse ab 1948 zu formulieren und damit auch in politischer Hinsicht an Stärke zu gewinnen. Auf dieser Basis wird in der Zusammenstellung der einzelnen Beiträge eine Dramaturgie von Vergangenheit, Gegenwart und – utopisch weit entfernter – Zukunft entworfen. Das, was in der Summe den Charakter des Bandes ausmacht, verdichtet Ilan Pappe in seinem Aufsatz.

Interessant ist seine Einschätzung, dass es entgegen der im Osloer Friedensprozess entworfenen Zwei‑Staaten‑Lösung künftig doch zu einer Ein‑Staaten‑Lösung kommen könne. Denn die permanente Besatzung sei kein zukunftsfähiges Modell, die dadurch entstehenden Ressentiments gegenüber Israel nicht nur in der arabischen Welt seien es auch nicht. Zudem – und das ist noch der überzeugendste Aspekt – entstehen mehr und mehr Bereiche, „in denen keine ethnische Trennung, sondern friedliche Koexistenz auf der Basis vollständiger Parität herrscht“ (426). Überall dort, so die implizite Hoffnung, wo es gemeinsame Kindergärten, Schulen und öffentliche Verwaltung gibt, wo Israelis und Palästinenser gemeinsam ihren Alltag bestreiten müssen, könnte die Vorstellung eines gemeinsamen israelisch‑palästinensischen Staates greifbare Realität werden. Nähe als politisches Instrument erweist sich als ein spannender Entwurf, genauso wie der gesamte Band in seiner historischen, politischen und soziologischen Differenziertheit eine spannende Lektüre darstellt.