Laika Verlag

 

Laika Verlag

Rezension: Robert Kurz: Der Tod des Kapitalismus

10. Juni 2013
Gerd Bedszent, junge Welt

Marxistische Weitsicht

Postum sind zwei Bücher mit Texten von Robert Kurz erschienen

Der am 18. Juli 2012 verstorbene marxistische Philosoph Robert Kurz hat die Theoriegeschichte der deutschen Linken seit 1990 wesentlich mitgeprägt. Es ist verdienstvoll, daß sich jetzt gleich zwei Verlage entschlossen haben, jeweils einen Band mit noch nicht in Buchform vorliegenden Texten in ihr Programm aufzunehmen. Die Herausgabe der beiden Bücher erfolgte durch Kurz‘ Witwe Roswitha Scholz sowie seinen langjährigen Mitstreiter Claus Peter Ortlieb.

Die Beiträge des im Frühjahr bei der Edition Tiamat erschienenen Bandes »Weltkrise und Ignoranz« zeugen von der Weitsicht des Autors. Bereits 1994 analysierte er in dem Text »Realisten und Fundamentalisten«, wie westliche Militärs und Geheimdienste den islamischen Fundamentalismus als Ersatzfeindbild nach dem Untergang des Sozialismus in Osteuropa konstruierten. Dabei handelte es sich bei den islamistischen Sekten um Produkte des Kapitalismus westlicher Prägung. Ihr Fundamentalismus habe kein emanzipatorisches Programm, sondern diene lediglich der ideologischen Rechtfertigung einer gegen die Totalität des Marktes gerichteten blinden Aggression. Aus dem unlösbaren Konflikt zwischen der niedergehenden kapitalistischen Moderne und ihren barbarischen Zerfallsprodukten leitete Kurz die Rückkehr eines Zeitalters der »religiösen Militanz« ab. »Die One World des Kapitals ist selber der Schoß, der den Mega-Terror gebiert«, schrieb er in dem kurz nach dem Crash des World-Trade-Centers im Jahr 2001 veröffentlichten Text »Totalitäre Ökonomie und Paranoia des Terrors«. Der einzige Weg, diesem den Nährboden zu entziehen, sei »die emanzipatorische Kritik am globalen Totalitarismus der Ökonomie«.

Im 2006 erschienenen Essay »Unrentable Menschen« beschreibt Kurz die Renaissance des Sozialdarwinismus und die damit einhergehende Demontage des Sozialstaates als Ergebnis der aktuellen Verwertungskrise des Kapitals. Gegen diesen Prozeß der Entzivilisierung bedürfe es einer »breiten sozialen Bewegung« sowie der »Öffnung auch des geistigen Horizonts zu einer neuen radikalen Gesellschaftskritik«.

Das jüngst beim Laika-Verlag erschienene Buch »Der Tod des Kapitalismus« enthält Texte, die in der Mehrzahl auf die Eskalation der Finanzkrise und deren Folgen sowie auf diverse Fehlinterpretationen ihrer Erscheinungen reagieren. Im Text »Marxsche Theorie, Krise und Überwindung des Kapitalismus« beschreibt Kurz, wie die mikroelektronische Revolution zum Ende des vorigen Jahrhunderts einen »strukturellen Bruch der kapitalistischen Entwicklung« hervorgebracht habe. Auf Grundlage des veränderten Niveaus der Produktivität habe kein neues Terrain realer Akkumulation mehr erschlossen werden können. Wirtschaftswachstum resultiere seitdem hauptsächlich auf der Basis wachsender Verschuldung und substanzloser Finanzblasen, was die scheinbar endlose Kette von Schuldenkrisen und Finanzkrächen der letzten Jahrzehnte hervorrief. Die »innere Schranke des Kapitals« (Marx) sei zu einer absoluten geworden. Im seinem Text »Weltmacht und Weltgeld« stellt der Autor die US-Rüstungsindustrie als ökonomische Grundlage der Weltwährung Dollar dar. Mit der neuen globalen Krisenkonstellation drohe als irrationaler Scheinausweg ein dauerhafter »Weltbürgerkrieg neuen Typs«.

In einem offenen Brief vom Januar 2012 charakterisierte Kurz den Sturz mehrerer autoritärer Regime der arabischen Welt sowie die sozialen Unruhen in Großbritannien und in Süd- und Südosteuropa als Resultat der massenhaften Prekarisierung nachwachsender Generationen. Der Protest sei derzeit noch ziellos und drohe dadurch religiösen und nationalistischen Ultras in die Hände zu spielen. Der Kampf gegen die kapitalistische Totalität könne nur über die Wiederaneignung und Weiterentwicklung der Marxschen Theorie führen – sonst drohe der Absturz in die Barbarei. Eine Zusammenstellung der wichtigsten Werke des Autors schließt das Buch ab. Unverständlich ist das Fehlen eines Quellenverzeichnisses.