Laika Verlag

 

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Rezension: Häuserkampf II - Wir wollen alles

1. August 2013
Florian Geisler, pw-portal

„Kriminelle aller Länder, vereinigt euch“ (92) – Parolen wie diese und die gewaltsamen Auseinandersetzungen um die Hafenstraße haben die Stadt Hamburg nach Ansicht der Autorinnen und Autoren dauerhaft geprägt. Die Ära der Hausbesetzungen löse bis heute Faszination aus. Mit dem zweiten Band über den Häuserkampf aus der Reihe Bibliothek des Widerstands wird diese Zeit eindringlich dokumentiert. Die Autorinnen und Autoren, von denen viele in der einen oder anderen Weise selbst direkt in den diversen Wohn‑ und Besetzungsprojekten engagiert waren, schildern authentisch ihre bittersüßen Erinnerungen.

Einblick wird gewährt in sehr persönliche Dokumente, wie Briefe oder Transkripte von Mitschnitten aus Plenarsitzungen und einfachen Gesprächen in den besetzten Räumen. Auf den beiden beigelegten DVDs sind fünf Stunden Filmmaterial mit ähnlichen Eindrücken zu finden – vor allem Produktionen aus den 1980er‑Jahren. Herausragend sind die vielen doppelseitig abgedruckten Fotografien. In den Aufsätzen werden die Gemeinsamkeiten, aber auch die regionalen Unterschiede im Vergleich mit den Besetzungsbewegungen in anderen deutschen Städten herausgearbeitet.

Für Besetzer_innen konnte es demnach kaum ein feindlicheres Terrain geben als Hamburg: Konfrontiert mit einer anfangs rigorosen Null‑Toleranz‑Politik des SPD‑geführten Senats, der mehrfach demonstrierten Bereitschaft zum Gebrauch der Schusswaffe seitens der Hamburger Polizei, der offenen Feindschaft eines Großteils der Presse, einer unstetig solidarischen Studentenbewegung und überhaupt der stark zersplitterten linken Front mussten sich die Gruppen in einem viel kleineren Rahmen bewegen als andernorts. Aus diesem Grund wird auch die Verbindung der Szene zur Rote Armee Fraktion ernst genommen – die Autorinnen und Autoren illustrieren damit, wie aus der jugendlichen Bereitschaft zum Kampf, einer instabilen politischen Arbeit und der staatlichen Reaktion eine gefährliche Mixtur entstand.