Laika Verlag

 

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Besprechung zu Tiqqun – Anleitung zum Bürgerkrieg

27. September 2012
Alexander Struwe, PW-Portal

Anleitung zum Bürgerkrieg.

Aus dem Französischen von Renée Verdan

Wie der Titel bereits verrät, handelt es sich um ein strategisches Papier. Darin erschöpft sich der von einem französischen anonymen Autorenkollektiv eingeforderte Bürgerkrieg keinesfalls in den landläufigen Assoziationen von Terrorismus und destruktiver Gewalt; er dient als Synonym einer Leerstelle der Negativität gegenüber der alles zersetzenden Rationalität der Feindseligkeit, die sich im biopolitischen Imperium ausgebreitet habe. Die Anleitung, dieser Apathie etwas entgegenzusetzen, baut auf einer schrittweisen Analyse dieser Machtkonstellation auf. Sie beginnt mit quasi-ontologischen Annahmen zur Subjektivität und über das Politische als einer unmöglichen Gründung und betrachtet aus diesem Lichte den modernen Staat als die zentralisierte Gewalt der Biomacht.

Erst im Imperium aber verabsolutiert sich dieses Machtverhältnis in seiner scheinbaren Auflösung. Das allumspannende Imperium wird begriffen als eine Sphäre der polarisierten Normen, ein „Milieu, das uns feindlich gesinnt ist“ (77), als ein unsichtbares biopolitisches Gewebe von Systemen, das – nach Agamben – Lebensformen zum nackten Leben degradiert. Der Bürgerkrieg ist demnach eine Widerstandsform, mit der sich eine ursprüngliche Gewaltdimension wieder aneignet werden kann und aus der sich eine spezifische Ethik ergibt, die dem Imperium notgedrungen als „Kriegsmaschine“ (83) entgegensteht. Dabei rekurrieren die Autorinnen und Autoren implizit und explizit auf Arbeiten von Agamben, Foucault, Schmitt oder Deleuze.

Der evozierte Widerstand formiert sich schließlich in der „Imaginären Partei“, deren Agent der Tiqqun selbst ist und die auf die erneute Ausweitung und „Ausgestaltung der Konsistenzebene“ (81) drängt, welche biopolitisch eingeebnet wurde. Dem widmen sich die Beiträge aus dem zweiten und dritten Teil des Buches in eindringlicher, fast schon poetischer Sprache als direkte emanzipative Vorstöße – so zum Beispiel in dem Gründungstext zu einer Organisation zur Vernetzung und Archivierung der „Kriegsmaschinen“ oder in der Reflexion über die eigentlich letzte Hürde der Emanzipation, das „Wie tun?“ (131). Insgesamt kommt die Anleitung mit großer Geste und viel Pathos daher; dafür aber braucht sie nicht immer eine theoretische Konsistenz – vielleicht gehört es sogar zum anarchistisch anmutenden Selbstverständnis, diese abzulehnen.

Alexander Struwe (AST)
B. A., Politikwissenschaftler, Student, Universität Hamburg.