Laika Verlag

 

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Besprechung Seppmann "Ästhetik der Unterwerfung" / Inhalt Über die Documenta

24.August 2013
Reinhard Jellen / junge Welt

Über die Documenta

Die Ausbreitung eines extremen Subjektivismus ist Ausdruck historischer Niedergangsepochen. Was im Alltag die Akzeptanz von Astrologie und Okkultismus, von Wahrsagerei und Horoskopen ist, äußert sich in der Philosophie und Geisteswissenschaften in einer unverdeckten Parteinahme für die diversen Arten des Irrationalismus, einer Tendenz, das Denken in Zusammenhängen aufzugeben und den Objektivitätsstatus theoretischer Annahmen in Frage zu stellen. Relativ neu ist die Intensität, mit der Obskurantismus und irrationalistische Selbstnegation auch in jenen Bereichen von Philosophie und Kultur verbreitet sind, die vor zwei, drei Jahrzehnten noch als Reservate kritischen Denkens gelten konnten.« (Werner Seppmann, Mechanismen ideologischer Formierung. Anmerkungen zur Documenta 13 in Kassel in: Ästhetik der Unterwerfung, Hamburg 2013, S. 62)

Der Sozialforscher Werner Seppmann hat sich zu den Recherchen für das Buch »Ästhetik der Unterwerfung« auf der letztjährigen Documenta in Kassel umgesehen. Das, was heutzutage als (post-)moderne Kunst inszeniert wird, hat er auf gesellschaftlichen Inhalt untersucht. Da deren Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev zur Eröffnung der Ausstellung bereits Tomaten wegen ihrer »wundervollen Rottöne« zur Kunst und sich selbst von einer »nichtlogozentristischen Vision« getrieben erklärte und ein »Konzept der Konzeptlosigkeit« wie auch Kunstführungen für Hunde angekündigt hatte, waren wir natürlich weiter gespannt, welche zeitgenössischen Kunstwerke solchen Ansprüchen gerecht werden konnten. Durch die weitere Lektüre werden wir nicht enttäuscht. Zu sehen gab es laut Seppmann einen großen Stein in einer Baumkrone, der das »Empathieverhältnis zwischen Natur und Kultur« darstellen sollte oder ein Holzgerüst, das die amerikanische Geschichte kritisch nachzeichnen wollte, außerdem einen »Doing-Nothing-Hügel« des Chinesen Song Dong, der aus einem bepflanzten Müllberg bestand.

Mülleimer wurden immer wieder gerne als »Symbol« für die »Konsumkultur« präsentiert und verschiedene Gemüse und Früchte in Körben von Land-Art-Aktivisten ausgestellt. Als feministische Kunst wurden eine an die Wand gehängte Kittelschürze, ein in die Ecke gestellter Besen und Unterwäsche mit getrocknetem Menstruationsblut präsentiert. Aber nicht nur die Augen sollten in neue Bewußtseinswelten geleitet werden, nein, der ganze Mensch als Sinneswesen, sollte neue Dimensionen der Wahrnehmung erspüren, weswegen er in einen leeren Saal mit einem von großen Gebläsen erzeugten Luftstrom geführt wurde. Wie ohne weiteres zu erraten ist, wurde hier laut Zeit eine Kunst gezeigt, die »für den Besucher nicht zu greifen ist, und die doch mächtig an ihm saugt«.

Andererseits haben mein Kumpel Marcel und dessen Spezi dem postmodernen Kunstverständnis ein paar Ocken zu verdanken: Sie hatten spitz bekommen, daß eine Galerie für eine Versicherung Bilder begutachtet und ankauft und in ihrem neuen Gebäude ausstellt. Also ließen sich die beiden ordentlich zulaufen und beschmierten alte Poster und Tapeten in ausdrucksstarker Jackson-Pollock-Manier. Da die beiden vom Gelingen ihres Vorhabens nicht besonders überzeugt waren, beschränkte sich das Investitionskapital auf zehn DM, womit nur drei Farben gekauft wurden. Statt eines Pinsels wurden Hausschwämme und Putzlappen zum Malen genommen oder einfach Farbe auf die Unterlagen gespritzt. Die beiden reichten verschiedene Exemplare zeitgenössische Kunst ein und siehe da, ein jeder unserer Neo-Expressionisten konnte ein Bild an die kunstliebende Versicherung für 3000 DM verklopfen.