Laika Verlag

Besprechung: Die Nelkenrevolution

Oktober 2012
Andreas Fellinger, freiStil

Wie wär’s mit folgendem Szenario: Redakteurinnen von Kronenzeitung und Kurier besetzen die Redaktion und verwehren der Geschäftsführung den Zutritt, um sie anschließend zu entlassen. Die Erste Bank, Bank Austria und Raiffeisen werden verstaatlicht, die Bankangestellten übernehmen die Kontrolle über das Finanzsystem. Arbeiterinnen der Uniqa, der Telekom, der Gebietskrankenkasse und des Wiener AKH erzwingen den Rücktritt ihrer Vorstände. In sämtlichen Konzernen kommt es zu Streiks, die Wiedereinstellung entlassender ArbeiterInnen und fixe Löhne werden verlangt. Und so weiter in der Tonart. Illusion? Utopie? Aus der Luft gegriffen? Undenkbar?

Nicht so im Portugal der Jahre 1974/75. Die größten Tageszeitungen, die größten Banken und Versicherungen, die größten Spitäler und Unternehmen wurden in diesen nicht einmal zwei Jahren vergesellschaftet, nachdem die fortschrittliche Bewegung der Streitkräfte MFA, bestehend aus subversiven Offizieren, die Macht an sich gerissen hatte. Gegen den Widerstand der faschistischen Diktatur, ihre brutale Geheimpolizei und ihre Verbündeten in der katholischen Kirche und in der Nato wurde durch die Bevölkerung der Übergang von der militärischen zur gesellschaftspolitischen Revolution in Angriff genommen.

Eine Vielzahl an Autorinnen analysiert verschiedenste Aspekte des portugiesischen Umsturzes, berichtet von seinen Gegnern und der Sozialdemokratie, die daraus für sich Kapital schlagen wollte. Davon, wie die Bevölkerung die Entlassung aller politischen Gefangenen erzwungen hat, die von den Schergen der faschistischen Geheimpolizei Pide, die Tausende Leute ermordeten, gefoltert worden waren. Vom anfänglichen Unterschied der Menschen in den Städten und jenen am Land- und der Landbevölkerung und ihrer sukzessiven Annäherung. Von der Abwendung der Niederschlagung der Revolution, wie sie ein Jahr zuvor in Chile erlitten wurde. Anders gesagt: Was António Lobo Antunes in fast allen seinen Romanen literarisch unnachahmlich verarbeitet – die Auswirkungen von Faschismus und Kolonialismus auf die Individuen – wird hier mit gesellschaftlich-historischen Fakten belegt.

Lernen, aneignen

Geeignet für eine Kurzfassung der Ereignisse, skizziert Jorge Fuentes sie in seinem Beitrag so: „Der 25. April 1974 beendet 48 Jahre Diktatur in Portugal und leitet eine neunzehn Monate währende Phase der kollektiven sozialen Mobilisierung ein, die unter den größten des vergangenen Jahrhunderts ist und die am 25. November 1975 mit einem weiteren Militärputsch ihren Schlusspunkt findet. Dazwischen haben wir zwei Staatsstreiche, sechs provisorische Regierungen, den Unabhängigkeitsprozess in den Kolonien, eine Welle von Streiks und Forderungen, die alle neuralgischen Punkte der Wirtschaft betreffen, eine radikale Agrarreform, ein Land an der Schwelle zum Bürgerkrieg, bis zum Rand angefüllt mit Widersprüchen und Krisen jeglicher Art, Entwürfen und Gegenentwürfen, Irrtümern und Gewissheiten, Ängsten und Hoffnungen und der ganzen Skala an Ereignissen, mit denen revolutionäre Prozesse so verschwenderisch umgehen, wenn sie die Deiche unbeweglicher und anachronistischer Strukturen brechen und alle Nischen und Bereiche der Gesellschaft in kontinuierliche Anspannung in Bezug auf den endgültigen Ausgang des Prozesses versetzen.“

Wie bei den Mediabooks der Hamburger Bibliothek des Widerstands (siehe freiStil #38) üblich, sind dem Buch Filme beigelegt. In diesem Fall – „Viva Portugal“ von Christiane Gerhards, Serge July, Malte Rauch und Samuel Schirmbeck sowie „Scenes from the class struggle in Portugal“ von Robert Kramer – dienen beide dank der integrierten Originalaufnahmen dem Verständnis der umwälzenden Geschehnisse. Sie schildern eindrucksvoll, wie die portugiesische Bevölkerung sich die Revolution der fortschrittlichen Streitkräfte aneignete, sie Schritt für Schritt erlernte und so den reaktionären Kräften im Land massiv entgegenwirkte. Self-Empowerment würde man wohl heute dazu sagen.

Zu verdanken sind diese aufklärenden Auskünfte einmal mehr dem Team Karl-Heinz Dellwo & Willi Baer. Fazit: Die Nelkenrevolution in Portugal 1974 kann sowohl als Lektüre als auch zur Nachahmung dringend empfohlen werden!

Andreas Fellinger