Laika Verlag

 

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Rezension zu Helmut Reinicke: Rudi Dutschke, Aufrecht gehen. 1968 und der libertäre Kommunismus

März 2013
Gert Eisenbürger, ila 363

 

 

Gert Eisenbürger zu Helmut Reinicke, Rudi Dutschke, Aufrecht gehen. 1968 und der libertäre Kommunismus, LAIKA-Verlag.

Aus: Befreiung als internationales Projekt. Neue Bücher über den Internationalismus der sechziger Jahre,  in: ila  363 März 2013 (S. 61-62)

 

Einen ganz anderen Charakter als die Dissertationen von Dorothee Weitbrecht und Thomas Neuner hat das Buch  »Rudi Dutschke. Aufrecht gehen – 1968 und der libertäre Kommunismus« von Helmut Reinicke. Der Autor, vielen ila-LeserInnen sicher durch Beiträge in unserer Zeitschrift bekannt, lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Flensburg Philosophie. In den sechziger Jahren war er im Frankfurter SDS und während eines Studienaufenthaltes in den USA in der dortigen Bürgerrechtsbewegung aktiv, also an gleich zwei Orten in die weltweite Revolte involviert. Ihm geht es in seinem Buch nicht um die historische Rekonstruktion der damaligen Geschehnisse und Debatten, sondern um die Herausarbeitung dessen, was Rudi Dutschke und seine politisch-theoretischen Mitstreiter für die (Wieder-) Entdeckung der emanzipatorischen Inhalte des Marxismus und die Neubestimmung einer befreienden – Helmut Reinicke würde eher sagen: revolutionären – Perspektive geleistet haben. Seinen Ansatz dabei würde ich  »sozialphilosophisch« nennen, denn er ist der Meinung, dass die Philosophie »stets die gesellschaftlichen Veränderungen genauestens reflektiert – ohne es zu wissen, von Hegel abgesehen – man muss es nur so lesen können« (S. 189) Dabei mutet Helmut Reinicke seinen LeserInnen sprachlich und intellektuell Einiges zu, vor allem jenen, die es nicht gewöhnt sind, philosophische Texte zu lesen. Hat man aber seine Formulierungen erst einmal verstanden, finden sich darin, wie übrigens auch in den meisten Texten von Karl Marx, viel erfrischender Humor und Ironie. Es seien Dutschke und einige andere – wobei ihm der 1970 bei einem Autounfall ums Leben gekommene Hans-Jürgen Krahl besonders wichtig ist – gewesen, die das Marxsche Werk aus den Klauen der Orthodoxie kommunistischer Parteiideologen in Ost und West befreit und die Ökonomiekritik ins Zentrum ihres kritischen Marxismus gestellt hätten. Sie hätten Marx neu gelesen und auch seine frühen Schriften wie etwa die »Ökonomisch-philosophischen Manuskripte« herangezogen, in denen er die Überwindung von Herrschaft, also die wirkliche Befreiung von Macht- undGewaltstrukturen, antizipiert. Neben den Arbeiten von Herbert Marcuse aus den fünfziger und sechziger Jahren konnten sie sich dabei auf die Vorarbeiten unorthodoxer Linker aus den zwanziger Jahren stützen, wie den 1926 aus der KPD ausgeschlossenen Karl Korsch oder den niederländischen Rätekommunisten Anton Pannekoek.

Darüber hinaus setzten sie sich auch mit den Arbeiten der AnarchistInnen, vor allem Bakunin, auseinander, deren Gedanken sie für die Konzeption eines wirklichen Sozialismus als unerlässlich empfanden. Rudi Dutschke veröffentlichte 1966 für den SDS eine »Ausgewählte und kommentierte Bibliographie des revolutionären Sozialismus von K. Marx bis in die Gegenwart«, die in Helmut Reinickes Buch komplett dokumentiert ist. Sie gibt Zeugnis davon, wie intensiv sich der damals 26jährige Rudi mit der Literatur von den Frühsozialisten über Karl Marx, Bakunin, Rosa Luxemburg, Lenin, Trotzki, Thalheimer bis hin zu den kritischen Geistern seiner Epoche auseinandersetzt. Dabei interessierten ihn nicht nur theoretische Texte, sondern auch historische Arbeiten über die Pariser Kommune, die Geschichte der Internationalen, der Rätebewegung in Russland, linke Organisationsversuche jenseits von Sozialdemokratie und Stalinismus und natürlich die revolutionären Denker der Dritten Welt von Mao, über Fanon bis Che. Außerdem empfiehlt Rudi einige Bücher des belgischen Wirtschaftswissenschaftlers Ernest Mandel, übrigens der Einzige, auf den in allen drei besprochenen Büchern eingegangen wird. Der »flämische Internationalist jüdischer Herkunft« (Selbstbezeichnung) war sowohl mit seinen Arbeiten als auch persönlich in Paris, Berlin, Brüssel und anderen Orten der Revolte präsent. Zudem führte er 1963/64 in  Havanna eine äußerst spannende wirtschaftspolitische Debatte mit Che und dem französischen marxistischen Ökonomen Charles Bettelheim.

Ein Moment, das für die Beteiligten an der damaligen Revolte prägend war, war ihre weitgehende gesellschaftliche Isolierung. In einer Gesellschaft, die noch stark von den autoritären Strukturen des Nationalsozialismus geprägt oder wo der Antikommunismus weithin akzeptierte Staatsdoktrin war, kamen sie mit ihrer Agitation gegen den Krieg in Vietnam, den Imperialismus und den Kapitalismus selten über das studentische Milieu hinaus. Insbesondere die Westberliner ArbeiterInnen zeigten wenig Sympathien für die Revolte, ließen sich sogar von Gewerkschaften und Senat gegen sie mobilisieren. Die Reaktion der AktivistInnen auf ihre gesellschaftliche Isolierung waren einerseits fragwürdig-elitäre Analysen, nach denen die Arbeiterklasse im Spätkapitalismus so in das System eingebunden sei, dass sie gar nicht mehr in der Lage sei, selbständig zu denken und ihre wahren Interessen zu erkennen. Sehr viel interessanter waren die Konsequenzen, die Dutschke für die praktisch-politische Arbeit zog, nämlich, dass es nicht mehr ausreiche, nur zu agitieren, sondern, dass die von den Herrschenden gesetzten und von den meisten BürgerInnen akzeptierten Grenzen nicht nur verbal, sondern auch durch direkte Aktionen überschritten werden müssten. Konkret wurde das beim Besuch des kongolesischen Diktators Moises Tschombé im Dezember 1964 in Berlin. Damals durchbrachen die studentischen AktivistInnen erstmals polizeiliche Demonstrationsverbote. Der »zivile Ungehorsam« als politisches Kampf- und Mobilisierungsinstrument war ein Kind der US-Bürgerrechtsbewegung, die durch Aktionen wie Sit-ins, Mahnwachen, spontane Demonstrationen oder Boykotte das System der Rassentrennung und dessen TrägerInnen permanent herausforderte. Im postnazistischen Deutschland hatte die Überschreitung der vom Staat vorgegebenen Grenzen und Spielregeln eine noch politischere Dimension, sie bedeutete den massenhaft praktizierten Bruch mit dem vom Faschismus erzwungenen Gehorsam. Der Sozialpsychologe Peter Brückner, dessen Arbeiten für mich zum Wertvollsten gehören, was die 68er-Bewegung theoretisch geleistet hat, sprach später von der »Zerstörung des Gehorsams« als der großen historischen Leistung der Revolte – daraus resultierte wohl der enorme Hass, der den 68ern in Deutschland entgegenschlug, sowohl von denen, die Gehorsam einforderten, als auch jenen, die stets gehorchten! So leistete die Bewegung tatsächlich das, was Dutschke und andere als zentrales Anliegen formulierten, nämlich, dass zum Kampf für Veränderung immer auch der um Selbstveränderung gehörte. Doch die Subjekte der Revolte wollten natürlich weit mehr als die autoritären Strukturen des postfaschistischen Staates aufbrechen und die politischen Kosten des US-Krieges in Vietnam hochtreiben. Sie kämpften für die Revolution und einen freiheitlichen Sozialismus. Darin waren sie, wie wir alle wissen, weniger erfolgreich.

Als 1968/69 absehbar wurde, dass es mit der Revolution kurzfristig nichts würde, versuchten manche AktivistInnen den Systemwechsel »strategisch« anzugehen und bauten autoritäre Kaderparteien auf. Andere integrierten sich ins System, teilweise ideologisch verbrämt als »Marsch durch die Institutionen«. Wenngleich ich nicht unterschätzen würde, dass dadurch demokratische Veränderungen in Schulen, Universitäten, Justiz, Gesundheitswesen, Medien, Kirchen, Gewerkschaften vorangetrieben wurden, war das natürlich nicht die Revolution. Für Rudi Dutschke, der nach dem Attentat vom April 1968 mehrere Jahre brauchte, bis er einigermaßen wiederhergestellt war, aber blieb die Revolution das Ziel – ein Ziel, das in immer weitere Ferne rückte. So saß er, gesundheitlich noch immer angeschlagen, in seinem dänischen Exil und stürzte sich in die Arbeit, vor allem seine Dissertation, eine kritische Analyse des bolschewistischen Konzepts von Partei und Revolution. (Dutschke, Rudi: Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen, Berlin 1974) 1975 schrieb er in sein Tagebuch: »Der sozialen Revolution kann ich gegenwärtig nur dienen durch eine Verschärfung der wissenschaftlichen Arbeit. Und zur richtigen Zeit wieder eingreifen‚ in Bereitschaft sein, ist alles.« (zit. nach Reinicke, S. 206) Eingreifen sollte er bald wieder, er reiste ab 1976/77 immer häufiger nach Deutschland, sprach auf Veranstaltungen, warb für den Aufbau einer sozialistischen Partei. Er lernte die Anti-AKW-Bewegung kennen, sah in deren dezentralen Strukturen eine spannende Perspektive, setzte dann Hoffnungen in die sich bildenden Grünen. Am 24. Dezember 1979 starb er im Alter von 39 Jahren an den Spätfolgen des Attentats – er ertrank nach einem epileptischen Anfall in der Badewanne.

Helmut Reinickes Buch ist in der »Bibliothek des Widerstands« des Laika-Verlages erschienen, deren Konzept die Kombination von Buch und Film ist. Dem Band liegen zwei DVDs mit insgesamt vier Filmen über Rudi Dutschke bei, wobei insbesondere »Aufrecht gehen« (BRD 1988, 78 Minuten) zu empfehlen ist. Und natürlich »Zu Protokoll Rudi Dutschke« (BRD 1967, 41 Minuten), das legendäre Interview von Günter Gaus mit Rudi aus dem Jahr 1967. Da waren Talkshows noch nicht erfunden, und es wurde im Fernsehen wirklich kontrovers über Inhalte geredet. .

 

 

Helmut Reinicke: Rudi Dutschke. Aufrecht gehen – 1968 und der  libertäre Kommunismus, LAIKA-Verlag, Hamburg 2012, 320 S. geb., + 2 DVDs mit den Filmen »Aufrecht gehen« (Helga Reidemeister, BRD 1988, 78 Minuten), »Dutschke, Rudi, Rebell« (Jürgen Miermeister, BRD 1998, 36 Min.), »Rudi Dutschke – Sein jüngstes Portrait«

(Wolfgang Venohr, BRD 1968, 55 Min.), »Zu Protokoll Rudi Dutschke«

(Günter Gaus, BRD 1967, 41 Min.), 29,90 Euro