Laika Verlag

 

Laika Verlag

Giorgio Galli: Pasolini. Der dissidente Kommunist

Band 42:
ISBN
978-3-944233-16-1
Erschienen Dezember 2014
Preis
28,00 €
220 Seiten

Giorgio Galli stellt sich einer bislang noch nicht bewältigten Herausforderung: der Rekonstruktion der politischen Identität Pier Paolo Pasolinis sowie der kritischen Beurteilung seiner gesellschaftspolitischen Bedeutung. Mit seinem unkonventionellen Ansatz gelingt es ihm, Pasolinis Schriften als Dokumente eines kohärent marxistischen und zugleich sehr freien politischen Denkens zu würdigen, dessen Relevanz sich keineswegs in der Erkenntnis vergangener Zusammenhänge erschöpft: Pasolinis Ringen um die Erhaltung von Alterität gegen die schleichende Einebnung individueller und gesellschaftlicher Differenzen im Zuge der »zweiten industriellen Revolution« und seine Aussagen über die schrittweise Anpassung der (italienischen) Gesellschaft an die Bedürfnisse der marktfundamentalistischen Ideologie sind gerade heute, nachdem sich diese als ruinös erwiesen hat, von großer Brisanz.

Im Widerspruch zur verbreiteten Ansicht, Pasolinis Schriften entbehrten jeglichen praktischen Nutzen, werden sie für Galli zum Ausgangspunkt für die Ausarbeitung einer konkreten Alternative zum heute weltweit dominanten – und vermeintlich alternativlosen – politischen System.

Pasolini besitzt klare politische Vorstellungen. Sein Umgang mit Begriffen wie »Konsumismus« und »Demokratie« ist differenziert, seine »politischen Lösungsvorschläge« sind keineswegs nur metaphorisch zu verstehen. Es sind tatsächlich sehr präzise Vorschläge zur Umgestaltung der Gesellschaft in Bezug auf das Bildungswesen und auf die Medienkultur.

 

Giorgio Galli, 1928 in Mailand geboren, ist Historiker und einer der renommiertesten Politologen Italiens sowie emeritierter Professor für Geschichte der politischen Ideen an der Universität Mailand. Veröffentlichungen u.a. Hitler e il nazismo magico, Rizzoli, Mailand 1989 (Hitler und der magische Nazismus), Soria dei parti ti politi cieuropei, Rizzoli, Mailand 1990 (Geschichte der politischen Parteien in Europa), Il parti to armato, Kaos Edizioni, Mailand 1993 (Die bewaffnete Partei), Storia del Partito Comunista Italiano, Feltrinelli, Mailand 1999 (Geschichte der Kommunistischen Partei Italiens). Auf Deutsch erschien Staatsgeschäfte. Affären, Skandale, Verschwörungen. Das unterirdische Italien 1943–1990, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1994.

Pressestimmen

»Giorgio Gallis 2010 in Italien veröffentlichtes und nun, kurz vor Pasolinis 40. Todestag, ins Deutsche übersetzte Buch versteht sich als Kontrapunkt zu jenem dominanten Pasolini-Bild, das nur sein künstlerisches Schaffen berücksichtigt. Galli, der 1928 in Mailand geborene Historiker und profunde Kenner der Nachkriegsgeschichte Italiens, nähert sich Pasolinis Werk mit mutiger Einseitigkeit. Das literarische und filmische Schaffen spielt in seinem Buch kaum eine Rolle. Stattdessen rekonstruiert er das politische Denken Pasolinis und stützt sich dabei auf dessen umfangreiches journalistisches Oeuvre, vor allem auf die »Freibeuterschriften«, die auch in Deutschland Ende der 1970er Jahre veröffentlicht worden sind, und den Redebeitrag, den er kurz vor seiner Ermordung auf einem Parteitag der Radikalen Partei Italiens geleistet hat. In diesen Kolumnen, Vorträgen und Essays erweist sich Pasolini als Prototyp des engagierten Intellektuellen. Er kannte die komplizierte und stark polarisierte politischen Landschaft Italiens und wusste um die mörderische Aktivitäten des »tiefen Staates«. Er hatte ein Gespür für die Verwerfungen, die die kapitalistische Modernisierung in dem noch vorwiegend agrarischen Land mit sich brachte. Das alles befähigte ihn, wie Galli überzeugend darstellt, zu ebenso eigenständigen und weitblickenden Interventionen und Diagnosen. Galli deutet Pasolini als einen frühen Kritiker der Globalisierung. [...] Gallis Buch gelingt es gut, den Reichtum im politischen Denken des dissidenten Kommunisten Pasolini deutlich zu machen. [...] Dennoch führt Galli vor Augen, wie lohnenswert es heute noch ist, sich mit den politischen Analysen dieses visionären Autors zu befassen.«

Franco Zotta, Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie

 

»Pasolini ist hochaktuell, und zwar zum einen, weil er ein nichtkonformer Linksintellektueller war. Zum anderen aber sei Pasolini vor allem deshalb aktuell, weil er kein typischer ‹Elfenbeinturm›-Autor der Moderne gewesen sei, sondern sich hartnäckig, ja penetrant mit gesellschaftskritischen Texten in die Tagespolitik einbrachte. Von der Abtreibung über die Studentenrevolten bis hin zu den Medien: Pasolini hielt sich selten mit Kommentaren zurück, die er nicht nur als Journalist in Zeitungen veröffentlichte, sondern denen er eine ‹Werk›form gab, indem er sie als Anthologien (u.a. Le belle bandiere, Il Caos, Lettere Luterane) veröffentlichte. Pasolinis leidenschaftliches Engagement hat damals wie heute teilweise Befremden, ja Ablehnung hervorgerufen und die Literaturwissenschaft dazu geführt, ihren Schwerpunkt auf Pasolinis genuin dichterische Erzeugnisse zu legen. Dass dies nicht illegitim ist, aber Pasolini womöglich einseitig ästhetisiert, mahnt Gallis Studie nachdrücklich an. […] Daneben fungiert Gallis Buch als eine Art Lesebuch der interessantesten politischen Texte Pasolinis, welche auch die maßgeblichen Stellungnahmen seiner Kritiker inkludiert […].«

Angela Oster, Italienisch – Zeitschrift für italienische Sprache und Literatur

 

»Und wem der über dieser Lektüre [Fabien Kunz-Vitali zu Pier Paolo Pasolini: Vom Verschwinden der Glühwürmchen, Laika 2015] evozierte Hauch einer Ahnung dessen, was wir an Pasolini verloren haben könnten, nicht reicht, sollte unbedingt auf Giorgio Gallis überarbeitete und neu aufgelegte Studie ›Pasolini - der dissidente Kommunist‹ zurückgreifen, wobei der Untertitel ›Zur politischen Aktualität von Pier Paolo Pasolini‹ die Stoßrichtung der Argumentation in einem Satz zusammenfasst. Nach Gallis Dafürhalten drohte vor zehn Jahren, als seine Studie erstmals erschien, aus dem „unbequemen Denker‹ Pasolini, ›der uns heute noch zur kritischen Mitverantwortung auffordert‹, eine Kultfigur und somit eine Art ›Alibi für einen unkritischen, rein passiven Konsum‹ zu werden.«

Thomas Koppenhagen, Luxemburger Tageblatt